Montag, 10. November 2008
Der 9. November ist sicher eines der markantesten Daten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhundert. In diesen Tagen ist es neunzig Jahre her, dass der Deutsche Kaiser Wilhelm II. abdankte und Philipp Scheidemann die Republik ausrief. Wenige Tage später ging das Völkermorden des Ersten Weltkrieges mit dem Waffenstillstand von Compiègne zu Ende.
Am 9. November 1923 schlug die bayerische Polizei einen Putschversuch des noch weitgehend unbekannten Politikers Adolf Hitler in München nieder. Fünfzehn Jahre später setzten die Ausschreitungen der Reichspogromnacht die Wendemarke von der Judenverfolgung zur Judenvernichtung im NS-Reich.
Und am 9. November 1989 schließlich zerbrach die Mauer, die einen Teil unseres Vaterlandes vom anderen getrennt hatte.
Zwar sind es selten gerade Linien zwangsläufiger Kausalität, die historische Daten miteinander verbinden.
Auch sind es nicht die Termine, an denen Geschichte beginnt oder endet. Aber sie markieren Wendepunkte, an ihnen kulminieren Entwicklungen und werden manifest – was man meistens indes erst im Nachhinein erkennt.
So war den wenigsten bewusst, dass am 9. November 1918 nur eine Etappe in einem neuen Dreißigjährigen Krieg bewältigt war. Wenn ich auf dieses Epoche der Zwanziger bis Vierziger Jahre schaue, kommt mir immer das Bild einer Vulkanlandschaft in den Sinn, aus der nach dem ersten verheerenden Ausbruch immer wieder einzelne Eruptionen hervorbrechen, bis dann ein weiterer, noch größerer Krater neue gewaltigere Schrecken und Vernichtung erzeugt. Dazu zählen übrigens nicht nur die Russische Revolution und der Spanische Bürgerkrieg, sondern über Europa hinaus Ende der Dreißiger Jahre auch ein regelrechter Guerillakrieg im britischen Mandatsgebiet Palästina, als arabische Palästinenser, jüdische Siedler und britische Armee einander bekämpften.
Und obwohl der Putsch an der Feldherrnhalle darauf hinwies, wie fragil die Demokratie der Weimarer Republik mangels Rückhalt, Geschlossenheit und Unterstützung in der Bevölkerung war, konnte wohl niemand ahnen, dass der politische Abenteurer von der Feldherrnhalle ein Jahrzehnt später eine unumschränkte Diktatur über Deutschland erreichen würde.
Selbst das Warnsignal des 9. November 1938 wurde von vielen noch nicht verstanden. Es war die Tragik gerade vieler jüdischer Deutscher. Sie hatten bis zum selben Tag des Jahres 1918 in den deutschen Heeren gekämpft, betrauerten gefallene Verwandte und Freunde und konnten sich auch nur im Entferntesten vorstellen, dass dieses Deutschland, das eben auch ihr Deutschland war, zu einer solch unvorstellbaren Barbarei gegen ihr Volk fähig war.
Und erst am 9. November 1989 wurde eine der letzten unmittelbaren Folgen des Zweiten Weltkrieges, die deutsche Teilung, beseitigt.
Neu erfunden wurde die Welt aber auch an diesem Wendepunkt nicht. Wie an allen diesen Daten wurde einiges beendet, anderes begann neu und vieles wirkt weiter, wenn auch in veränderter Gestalt. So stehen wir fassungslos vor der Tatsache, dass es nach allem, was geschehen ist, weltweit und damit auch bei uns, noch immer Antisemitismus gibt und dieser sich durchaus auch gesellschaftlich und politisch manifestiert, ja sogar nach Gelegenheiten sucht, zur Tat zu schreiten.
Deshalb ist der Aufruf des „nie wieder“ stets aufs Neue zu betonen und wach zu halten, damit er seine handlungsleitende Aktualität behält. Wir brauchen deshalb entschiedener denn je eine verstärkte gesellschaftliche Aufklärung gegen Menschenfeindlichkeit und Menschenhass.
Erinnern ist Wissen. Bildung und Geschichte muss auf der Agenda unserer künftigen Aufgabe an oberster Stelle stehen – und die Auseinandersetzung mit den Daten des 9. November darf nie zur Routine erstarren. Stattdessen muss die dauernde geistige Auseinandersetzung mit den Lehren aus der dunklen Geschichte als notwendig begriffen werden, als ein Gedenken, das bestimmend ist für eine Werte-Ordnung, der sich unsere Stadt, unser Land stets verpflichtet weiß. Es muss selbstverständlich sein, dass innerhalb jeder Religionsgemeinschaft zu Toleranz gegenüber Andersgläubigen aufgerufen wird.
Dass es keine Erziehung zum Hass geben darf.
Dass niemand dem anderen das Menschsein abspricht. Auch das sind Verpflichtungen aus unserer Vergangenheit. Und Selbstverständlichkeiten einer demokratischen Gegenwart. Entscheidend ist aber auch für uns in Deutschland, die konkrete Bedrohung jüdischer Existenz nicht aus dem Fokus zu verlieren.
So durchzieht die bundesdeutsche Geschichte ein massives und oft auch durchaus wirkungsvolles Vorgehen gegen politischen Extremismus von Rechts seitens des Staates, aber vor allem auch auf der gesellschaftlichen Ebene – wie in unserem Römerbergbündnis in Frankfurt am Main. Dieser Schutzbereich darf aber nicht nur die in Deutschland lebende jüdische Bevölkerung umfassen und jene Region ausblenden, in der das jüdische Volk nach wie vor in seiner staatlichen und physischen Existent bedroht ist.
Gerade in der vergangenen Woche verwies eine politische Auseinandersetzung in Berlin darauf, dass im anderen deutschen Staat jahrzehntelang Kräfte im Nahen Osten mit Geld und Waffen unterstützt wurden, die alles daran setzten, den Vernichtungswahn gegen das gesamte jüdische Volk Israels Wirklichkeit werden zu lassen. Dessen Aufarbeitung hat gerade erst begonnen. Auf diese Form des Antisemitismus hat der Träger des Börne-Preises, Henryk Broder, hingewiesen.
Damit komme ich zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen zurück. Historische Daten stehen nicht unverbunden in der Zeit und sie sind nicht abschließend. Sie haben Wurzeln in der Vergangenheit, sind untereinander verbunden und lassen manchmal Künftiges wenigstens schemenhaft erahnen. Wir sollten daher diesen Tag zum Anlass nehmen, nicht nur der Vergangenheit zu gedenken.
Wir sollten ihn auch für Fragen an die Gegenwart und Blicke auf eine mögliche Zukunft nutzen und uns über Notwendigkeiten und Optionen unseres Handelns Gedanken machen. Nur wenn sich Gedenken nicht in der Klage über das Gestern erschöpft, hat es für das Morgen eine Bedeutung! Und im Zentrum dieses Gedenkens steht für mich immer Artikel 1 des Grundgesetzes, der in seiner Kürze und Lakonie das umfasst, was für mich „Menschsein“ heißt: Die Unantastbarkeit der Menschenwürde.
Das bewusste Erinnern und das feierliche Gedenken dienen dem Ausdruck dieser Würde. Und die jährliche Erinnerungsfeier hier in der Paulskirche nimmt in diesem Sinne einen zeichenhaften Platz im Leben unserer Stadt ein.
Ich danke Ihnen, dass sie heute hierher gekommen sind, um dieser Verpflichtung Ausdruck zu verleihen, sie wach zu halten. Ich danke Ihnen.