Samstag, 07. November 2009
Festakt „150 Jahre Stadtrechte Ludwigshafen“ am 7.11.2009 in Ludwigshafen, Pfalzbau
Rede von Frau Oberbürgermeisterin Petra Roth, Präsidentin des Deutschen Städtetages
Es gilt das gesprochene Wort!
Anrede,
mit 150 Jahren ist Ludwigshafen eine vergleichsweise junge Stadt.
Auch für Ludwigshafen trifft zu: Die Vergangenheit ist wichtig für die Gestalt einer Stadt, für ihr Selbstverständnis und für die Vorstellungen, die andere mit dem Namen dieser Stadt verbinden.
Meine Damen und Herren, ich war wirklich überrascht, als ich erfahren habe,
in welcher Stadt die ersten Telefone Bayerns installiert wurden. Das geschah nicht in München oder Nürnberg, auch nicht in Erlangen oder Augsburg. Nein: Die ersten Telefone Bayerns wurden in Ludwigshafen in Betrieb genommen.
Das schreibt jedenfalls der Leiter des Stadtarchivs, und er sollte es wissen.
Diese Randnotiz der Stadtgeschichte verdeutlicht sehr anschaulich, und unter welchen Bedingungen Ludwigshafen sich entwickelte. Es war die Zeit des technischen Fortschritts, die von einem regen Geschäftssinn geprägt war. Hinzu kam der politische Wille König Maximilians II., zu dessen Königreich Bayern die Pfalz und damit das Gebiet der heutigen Stadt Ludwigshafen gehörten.
Gründung und Aufstieg der Stadt waren Ergebnis der ganz bewussten Entscheidung
des Königreichs Bayern, als Gegengewicht zur Residenzstadt Mannheim einen Handelsstandort am linken Ufer des Rheins zu etablieren. Möglich wurde das erst durch eine technische Meisterleistung: Die 1817 von Johann Gottfried Tulla begonnene Begradigung des Rheins erlaubte es, in der vorher sumpfigen Flussniederung überhaupt eine Stadt zu bauen. Mit der Ansiedlung der ersten Fabriken, vor allem 1865 der BASF, begann dann der – manchmal nicht nur im übertragenen Sinne – atemberaubende Aufstieg Ludwigshafens als Industriestadt.
Wichtiger als die Vergangenheit sind aber die Gegenwart und vor allem die Zukunft.
Ich weiß, dass es um die Gegenwart dieser Stadt gut bestellt ist – trotz aller Sorgen, die in diesen Zeiten der Wirtschaftskrise wohl alle Städte mehr oder weniger schwer belasten. Was die Zukunft angeht: Man muss kein Prophet sein, um festzustellen, dass große Aufgaben vor allen Städten – und damit auch vor Ludwigshafen liegen.
Meine Damen und Herren,
von der griechischen Polis bis zur heutigen Metropole geht von dem Modell Stadt eine große Verheißungskraft aus. Die Agora einer Polis war in Griechenland der Ort, an dem die freien Bürger zusammen kamen, um über die Geschicke - die Politik - ihrer Stadt zu entscheiden. In der frühen Neuzeit waren Städte die räumliche Grundvoraussetzung für eine Emanzipation des Bürgertums von Klerus und Adel, für die Überwindung der ständischen Ordnung. Möglichkeiten der Mitgestaltung und Mitbestimmung der Stadtgesellschaft sind heute, in einer Zeit vielfältiger Lebensentwürfe und Lebensbedürfnisse, mehr denn je zentrales Element europäischer Stadtkultur.Stadtluft – so das oft gehörte Versprechen – macht frei.
Die Schattenseite der Stadt ist, dass dieses Versprechen niemals für alle eingelöst werden konnte.In allen Jahrhunderten gab es große Bevölkerungsteile, für die sich die Verheißung eines besseren und auskömmlicheren Lebens in der Stadt nicht erfüllte. In der Polis gab es die Unfreien und Sklaven, in der mittelalterlichen Stadt die Tagelöhner, Knechte und Ehrlosen. In der Stadt des Industriezeitalters gehörten vor allem die einfachen Arbeiter zu den Unterprivilegierten und wurden unter widrigen Bedingungen in engen Quartieren neben den Fabriken untergebracht. Harte körperliche Arbeit, geringer Lohn und wenig Freizeit, ungesunde Wohn- und Umweltverhältnisse kennzeichneten das Leben des städtischen Proletariats.
In der Industrialisierung machte Stadtluft nicht nur frei, sondern bisweilen auch krank.
Wie in vielen anderen Industriestädten unseres Landes waren auch in Ludwigshafen jahrzehntelange Anstrengungen erforderlich, um die mit der Industrialisierung verbundenen Aufgaben zu meistern. Noch heute stellt das Erbe der Industrialisierung und des raschen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg die Stadtentwicklung bisweilen vor große Aufgaben.
Meine Damen und Herren, Unsere heutigen deutschen Städte sind Orte der Wissensgesellschaft, in denen die Zwänge und Beeinträchtigungen der industriellen Raumorganisation mehr und mehr überwunden werden.
Alexander Mitscherlich, Frankfurter Wissenschaftler und Autor, nannte diese negativen Tendenzen in seinem gleichnamigen Buch sehr treffend die „Unwirtlichkeit der Städte“. Viele Fehler der modernen Stadtplanung, wie zum Beispiel unmenschliche Proportionen, raumgreifende Funktionstrennung, exzessiver Flächenverbrauch oder die einseitig autogerechte Gestaltung der öffentlichen Räume, können heute korrigiert werden.
Mit ihrem menschengerechten Umbau kommt die Stadt der Wissensgesellschaft zu neuer Vitalität und gewinnt an Lebensqualität. Lebensqualität wiederum ist ein wichtiger Standortfaktor im weltweiten Wettbewerb der Städte um die wichtigste Ressourcen des 21. Jahrhunderts: Wissen und Kreativität. Denn die kreativen Köpfe, die Hochqualifizierten, gehen dorthin, wo es sich gut leben lässt. Auch die wissensintensiven Unternehmen lassen sich bei ihrer Standortwahl von der Logik der Lebensqualität leiten.
Hier sind wir in Deutschland und Europa bereits gut aufgestellt. Regelmäßig belegen mittelgroße europäische Städte – ob Kopenhagen, Zürich oder auch Frankfurt - Spitzenränge in internationalen Vergleichsstudien zur Lebensqualität. Diesen Städten ist das Bemühen gemein, attraktive Lebensbedingen für die Gesamtheit ihrer Bürger zu bieten. Dadurch wird ihr Gemeinwesen stabil, sicher und belastbar. Stabilität und Prosperität sind indessen nicht gottgegeben, sondern müssen täglich verdient und erarbeitet und durch vorausschauende Entscheidungen gesichert werden.
Das System Stadt ist auf dauernde Veränderung, auf ständige Anpassung und Entwicklung ausgelegt. Die Stadt ist Labor und Bühne für politische, gesellschaftliche, kulturelle und technische Innovationen. Über die Jahrhunderte gab es immer wieder Städte, die es besser als andere verstanden, sich an geänderte Rahmenbedingungen durch neue Strategien und Ideen anzupassen. Solchen Städten gelang es, kraft des Erfindergeistes ihrer Bewohner und durch die Klugheit ihrer Lenker zu wachsen und zu prosperieren. Städte ohne diese Anpassungs- und Neuerungsfähigkeit verschwanden für Jahrhunderte in der Bedeutungslosigkeit.
Meine Damen und Herren, wir stehen vor der Herausforderung, unsere Städte als Labore der Innovation zu gestalten, ohne dabei ihr historisches Erbe, ihr kulturelles und gesellschaftliches Kapital zu verleugnen. Doch auch die Wissensgesellschaft hat Schattenseiten, kennt Verlierer und Benachteiligte. Aber die europäische Stadt hat,
wie kein anderer Stadttyp vor ihr, die Chance, aus den gesellschaftlichen Spannungen keinen Bruch werden zu lassen. Sie hat die räumlichen und sozialen Voraussetzungen sowie die technischen und wirtschaftlichen Mittel, um das Versprechen eines besseren Lebens für die Gesamtheit ihrer Bevölkerung endlich einzulösen. Arbeit und Anerkennung, Wissen und Wohlstand, Freiheit und Verantwortung, intakte Umwelt und Nachhaltigkeit – so heißen die Meilensteine auf dem Weg zu unserer Stadt der Zukunft.
Das, meine Damen und Herren, ist die große Herausforderung an die Stadtpolitik von heute. Wenn wir heute das 150-jährige Stadtjubiläum von Ludwigshafen begehen, so lohnt es sich zu fragen, wie denn eine zukunftsfähige Stadt der Wissensgesellschaft aussieht.
Die Stadt der Wissensgesellschaft ist Innovationsplatz und Jobmaschine. Sie muss sich auf ihre wirtschaftlichen Stärken, bestimmte Branchen und Technologiefelder konzentrieren und so die Vorteile der Agglomerationsökonomie nutzen. Dazu braucht sie Zentren der Forschung und Wissenschaft, die im Austausch mit nationalen und internationalen Einrichtungen stehen und die eng mit den ortsansässigen Unternehmen vernetzt sind. Das mächtige Chemiecluster mit international aufgestellten Unternehmen in Ludwigshafen und in der Region ist hierfür ein hervorragendes Beispiel.
Die Stadt der Wissensgesellschaft ist vor allem ein Dienstleistungs- und Kommunikationszentrum. Sie darf aber auch ihre Industriestandorte nicht vernachlässigen. Denn gerade in Deutschland sind Wissenschaft, Forschung und wissensbasierte Dienstleistungen stark auf Industrieunternehmen orientiert.
Die Industrie stellt Arbeitsplätze vieler Qualifikationsstufen bereit und bietet auch Beschäftigungschancen für geringer Qualifizierte. Diese Arbeitsplätze werden dringend benötigt, um der drohenden Spaltung der Stadtgesellschaft in Gewinner und Verlierer der Wissensökonomie entgegen zu wirken.
Positiv wirkt sich in diesem Zusammenhang auch ein Umstand aus, den die Metropolenforscherin Saskia Sassen beschrieben hat. Jeder hochqualifizierte Arbeitsplatz in der Stadt lässt zwei bis drei zusätzliche Arbeitsplätze im Segment einfacher Dienstleistungen entstehen.
Meine Damen und Herren, ein Pfeiler der europäischen Stadt war schon immer die geistige Mobilität ihrer Bewohner, gepaart mit Weltoffenheit und Liberalität.
Dieses Erbe steht unseren Städten in Zeiten globalisierter Wirtschaftsbeziehungen gut an. Es ist zugleich die Grundbedingung für die erfolgreiche Integration von Einwanderern. Menschen aus vielen Nationen, mit den unterschiedlichsten kulturellen und sozialen Hintergründen kommen nach Deutschland, um in unseren Städten zu arbeiten, zu lernen und zu leben. Viele dieser Menschen bleiben dauerhaft bei uns. Eine erfolgreiche städtische Integrationspolitik, welche die Teilhabechancen von Zuwanderern im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt gewährleistet, ist die Grundvoraussetzung für Stabilität und sozialen Frieden.
Es gilt, die Bevölkerungsvielfalt als Chance zu begreifen und die Potenziale der Einwanderer zum Wohle der ganzen Stadtgesellschaft zu aktivieren. Dazu braucht es Integrationsleistungen auf beiden Seiten und einen gemeinsamen Grund der Verständigung: die deutsche Sprache. Daher dürfen unsere Bildungseinrichtungen
kein Kind verloren geben und müssen gerade den bildungsfernen Familien,
ob mit oder ohne Einwanderungshintergrund, mit Rat und Hilfe beistehen. Die Möglichkeit von Aufstieg und Anerkennung durch Bildungserfolge ist ein zentrales Versprechen unserer Städte in der Wissensökonomie.
Im globalen Maßstab sehen wir einem Jahrhundert der Städte entgegen.
Nach derzeitigen Schätzungen werden bis 2050 mehr als drei Viertel der Weltbevölkerung in Städten leben. Immer effizientere Systeme des Transports von Waren, Menschen und Nachrichten machen ein nie gekanntes Flächenwachstum
der Metropolen möglich. Doch dies geht mit einem immensen Ressourcenverbrauch einher. Zwar ist die Stadt als räumliche Wirtschaftsform seit ihrer Erfindung vor 7000 Jahren auf die Alimentierung durch das Umland ausgelegt. Doch die rapide Urbanisierung der Welt stellt die althergebrachte Symbiose von Stadt und Land immer stärker in Frage. Dazu ein Beispiel: Um den Lebensstil einer Metropole wie London aufrecht zu erhalten, braucht man das 300-fache des Stadtgebietes –
eine Fläche, rund 23 Mal so groß wie Rheinland-Pfalz. Wenn eine wachsende Zahl von Städten dauerhaft mehr Ressourcen verbraucht, als die Erde insgesamt zur Verfügung stellen kann, droht das System zu kippen und wir untergraben unsere natürlichen Lebensgrundlagen.
Meine Damen und Herren, das bedeutet für alle Städte rund um den Erdball:
Nachhaltigkeit, Umwelt- und Ressourcenschutz müssen Leitmaximen einer verantwortungsvollen und zukunftsorientierten Stadtentwicklungspolitik sein!
Alle dafür notwendigen technischen Voraussetzungen gibt es bereits. Jetzt ist die Zeit, um „Nachhaltigkeit“ von einem Begriff des Stadtmarketing zur gelebten Realität in unseren Städten zu machen. Effiziente und umweltfreundliche Verkehrssysteme, Förderung von Fuß- und Radverkehr, intelligente Versorgungsnetze, energieeffiziente Wohn- und Bürogebäude sowie Ausbau von Grün- und Erholungsräumen sind nur einige Beispiele für die Handlungsfelder praktizierter Nachhaltigkeit. Große, strahlkräftige Metropolen haben wir in Deutschland noch nicht einmal eine Handvoll: Berlin, Hamburg und vielleicht noch München.
Dafür verfügen wir über ein leistungsfähiges Städtenetze und starke Metropolregionen – der verstädterte Ballungsraum Frankfurt Rhein-Main oder die Region Rhein-Neckar sind hierfür gute Beispiele.
Diese Regionen mit mehreren kooperierenden städtischen Zentren, von denen jedes bestimmte Schwerpunkte hat,
gelten in Fachkreisen als zukunftsweisende, ausgesprochen stabile und nachhaltige Modelle. Sie sind eine alltagstaugliche Alternative zur monozentrischen Metropole,
die schnell an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit stößt. Denn Metropolregionen vermeiden durch räumliche Verteilung wichtiger Funktionen auf mehrere Spieler
die Nachteile allzu großer flächenhafter Verdichtung wie Enge, Überfüllung und Mangel an Grünflächen. In der Netzstruktur einer Metropolregion lassen sich Zentren der Dienstleistung und Wissensarbeit effizient und ohne Einbußen an Lebensqualität mit Zentren industrieller Produktion, Wohnstädten und Freizeitmöglichkeiten verknüpfen. Das Jahrhundert der Städte könnte in Deutschland zum Jahrhundert der Metropolregionen werden, die Nachhaltigkeit und Wirtschaftskraft, faire Lebensbedingungen und Möglichkeiten der Teilhabe, sowie intellektuelles und kulturelles Kapital in sich vereinen.
Ich wünsche der Stadt Ludwigshafen, die im Herzen der Metropolregion Rhein-Neckar liegt, viel Zuversicht und Tatkraft auf diesem Weg in die Zukunft!