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Montag, 09. November 2009
"Geschichte hat mit Schicksal nichts zu tun."
Rede von Frau Oberbürgermeisterin Petra Roth bei der Gedenkveranstaltung der Stadt Frankfurt zum 9. November in der Paulskirche
 
Der 9. November ist der symbolträchtigste Tag in der deutschen Geschichte und eines der ambivalentesten Daten.
 
So wie es ambivalente Orte gibt, die gleichermaßen für Aufbruch und vergebene Chancen in der deutschen Geschichte stehen –die Paulskirche gehört dazu –, so gibt es auch Daten, die diese Janusköpfigkeit symbolisieren. Zu Recht ragt der 9. November aus der deutschen Geschichte heraus.
 
Der 9. November 1918 ist der Tag, an dem Philipp Scheidemann – heute vor 91 Jahren, in Berlin – die deutsche Republik ausrief. Am 9. November 1923 putschte Hitler in München und versuchte zum ersten Mal, politische Macht zu erlangen. Der 9. November 1938 markiert eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Mit diesem Tag verbinden sich die schlimmsten Erinnerungen an die Reichspogromnacht in vielen deutschen Städten.
 
Der 9. November 1989, heute vor zwanzig Jahren, steht für den Gewinn von Freiheit, für Widerstand und Bürgermut.
 
Die Menschen in der damaligen DDR haben sich erfolgreich gegen Diktatur und Unrecht gewehrt – wir haben gemeinsam ein System der Unfreiheit überwunden. Am 9. November, am heutigen Tag, denken wir gleichermaßen an eine großartige, aber leider vergebene Chance, an ein völlig unterschätztes Warnsignal, an eine der schrecklichsten Nächte der Menschheitsgeschichte und an eines der erfreulichsten Daten der jüngsten deutschen Geschichte. Der 9. November steht für beides: für die Beseitigung von Freiheit und für den Gewinn der Freiheit.
 
Deshalb wird der 9. November oft als „Schicksalstag der Deutschen“ bezeichnet. Das ist falsch! Geschichte hat mit Schicksal nichts zu tun. Historische Entwicklungen sind nicht göttlich gewollt, sondern sie werden von Menschen gestaltet und verantwortet – im Positiven wie im Negativen. Zufälle – in der Geschichte gibt es die nicht.
 
Es war die Entscheidung jedes Einzelnen, in den Jahren des Holocaust Mitläufer, Täter, Nutznießer zu sein – oder aber Widerstand zu leisten.
 
Und es war kein Naturgesetz, das die Menschen in der ehemaligen DDR erst in die Kirchen und dann auf die Straßen trieb, wo sie friedlich ihre Freiheit erstritten und somit die deutsche Wiedervereinigung ermöglichten. 
 
Die friedliche Revolution fiel nicht vom Himmel; sie ist dem freien Willen der Menschen entsprungen. Aus dieser, unser aller Willensfreiheit erwächst Verantwortung für das, was wir tun – oder das, was wir geschehen lassen.
 
Frankfurt hat zugelassen, dass etwa 30.000 Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung während der Naziherrschaft aus dieser Stadt ins Ausland vertrieben oder in den Konzentrationslagern umgebracht wurden. Bürger, die wesentlich zum kulturellen und wirtschaftlichen Gedeihen der Stadt beigetragen hatten. Diese dunklen Punkte aus der Vergangenheit schmerzen.
 
Aber nur über die Erinnerung können wir uns immer wieder bewusst machen, was nicht wieder geschehen soll.
 
Ich bin stolz darauf, dass Frankfurt heute eine internationale, weltoffene Stadt ist. Die letzten Jahrzehnte haben unserer Stadt eine kulturelle Vielfalt gebracht, die in Deutschland beispielhaft ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn Weltoffenheit muss man leben und gestalten.
 
Deshalb engagieren wir uns in so hohem Maße bei der Integration.Frankfurt soll eben kein „Schmelztiegel“, kein „melting pot“ sein – die Gefahr besteht dort, wo sich Parallelgesellschaften entwickeln. Frankfurt soll ein Mosaik sein, wo sich jeder Einwohner als Bürger dieser Stadt versteht und das Beste, nämlich seine Mentalität und seine Kultur einbringt. Was kann bereichernder sein als unterschiedliche Sichtweisen, die nicht trennen und abschotten, sondern zu einem großen Ganzen, zu einem wertbezogenen Miteinander beitragen!
 
Necla Kelek, die heutige Festrednerin und diesjährige Jurorin des Ludwig-Börne-Preises, engagiert sich als Soziologin, Publizistin und Frauenrechtlerin für eine Gesellschaft, wie ich eben beschrieben habe. Sie bringt ihre Erfahrungen als türkischstämmige säkulare Muslima in Deutschland ein, um zu sensibilisieren, welche Gefahren eine mangelnde Integration in sich birgt. Ihre Botschaft ist unmissverständlich: Wenn eine wachsende Gruppe mit einem türkisch-muslimischen Hintergrund die größte Schulabbrecherquote, die geringste Abiturientenzahl, die meisten Menschen ohne Berufsausbildung und die geringste Erwerbstätigenquote aufweist, dann kann das zum zentralen Problem der ganzen Gesellschaft werden. Ihren Appell sollten wir gerade heute, am 9. November, an diesem Gedenktag sehr ernst nehmen.
 
Lassen Sie uns auf der einen Seite gedenken, zu welch’ Grausamkeiten Menschen in der Lage sein können. Und lassen Sie uns zum anderen daran erinnern, mit wie viel Kraft und Leidenschaft wir große Leistungen – Freiheit, Glück und Frieden – vollbringen können.
 
Das Gedenken an das Schlimme und das Erinnern an das Großartige kann ein Kompass sein, um die heutigen Herausforderungen – und dazu gehört Integration – zu gestalten. Vielen Dank.
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