Es ist zu einem Gemeinplatz geworden, den 9. November als eines der schwierigsten Daten der Deutschen Geschichte zu bezeichnen: Republikgründung, Reichspogromnacht, Mauerfall: Die Emotionen, die dieser Tag freisetzt, reichen von Glücksgefühlen bis zu tiefster Trauer und Beschämung.
Und in jedem von uns werden die ganz persönlichen Anteile dieser widerstreitenden Gefühle anders gemischt und gewichtet sein, ganz besonders in diesem Jahr.
Denn 20 Jahre Mauerfall, die Hebung des Eisernen Vorhanges für alle Menschen in Europa, so viel können wir wohl nach zwei Jahrzehnten feststellen, haben auch ein neues Kapitel in der deutsch-jüdischen Geschichte aufgeschlagen.
Lebten vor dem Mauerfall rund 30.000 Juden in der Bundesrepublik und etwas über 1.000 in der DDR, zählen die Jüdischen Gemeinden heute über 100.000 Mitglieder.
Viele von ihnen haben die Freiheit genutzt, die die Ereignisse von 1989 brachten, und ihren Lebensschwerpunkt aus Osteuropa und der damaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik verlegt.
Aber wie glücklich auch immer für viele persönliche Biographien der 9. November 1989 gewesen sein mag: Es hätte ihn ohne seinen Vorgänger des Jahres 1938 nicht gegeben.
Zwischen beiden Daten besteht ein enger Zusammenhang, und es ist unsere Aufgabe, diesen immer wieder deutlich zu machen. Damit werden diese Novembertage gerade für uns als verantwortlich Handelnde in Politik und Gesellschaft zu einem Anlass, zurück, aber ebenso nach vorn zu blicken. An diesem Tag setzten die Nationalsozialisten Synagogen in Brand, verwüsteten Wohnungen und Geschäfte, ermordeten unzählige jüdische Mitbürger. Es war der Beginn des Zivilisationsbruchs, der später im Inferno des Zweiten Weltkrieges und im Grauen der Shoah endete.
Wenn heute die Zahl jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger seit 1989 dennoch wieder stärker als je zuvor wächst, so ist das zunächst ein Vertrauensvorschuss für ein Deutschland, das ein anderes ist als vor 60 Jahren. Es muss sich dieses Vertrauens indes als würdig erweisen. Und genauso verpflichtet uns an diesem Tag die Vergangenheit, auch in die Zukunft zu blicken.
Vor kurzem hat Salomon Korn die Frage nach einer Jüdischen Kultur in Deutschland gestellt. Er hat einer auf Assimilation abzielenden spezifischen deutsch-jüdischen Kultur eine Absage erteilt.
Stattdessen hat er auf die „klassischen Lehr- und Lernorte des Judentums“ verwiesen, aus denen heraus sich ein eigenständiger Beitrag zur deutsch-jüdischen und europäisch-jüdischen Kultur entwickeln solle. Ebenfalls vor einigen Wochen hat Frau Knobloch eine Diskussion über eine mögliche Umbenennung des Zentralrates der Juden in Deutschland in "Zentralrat der deutschen Juden“ angestoßen: Themen, die um die künftige Rolle, das Selbstverständnis der Jüdischen Gemeinden in unserer Gesellschaft kreisen.
Diese Diskussion verweist auf eine zunehmend zukunftsorientierte Haltung, aus der heraus die Jüdische Gemeinde ihren Beitrag für, aber auch ihre Erwartungen an unsere Gesellschaft formuliert.
Es kann aber auch kein Zweifel darin bestehen, dass aus dem Gedenken an das Menschheitsverbrechen der Shoah die Pflicht zur Erinnerung und aus dieser die zum konkreten Handeln erwächst.
Und die Frage, welches Handeln daraus folgt, muss immer wieder neu gestellt, diskutiert und beantwortet werden.
Und hier scheint es mir, als habe der 9. November 1989 dem Gedenken an denselben Tag des Jahres 1938 eine neue Facette hinzugefügt: ein Stück Hoffnung, die aus dieser Trauer herauswächst. Unsere Pflicht wird es sein, aus dieser Hoffnung eine Wirklichkeit erstehen zu lassen.