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Donnerstag, 18. März 2010
"Die Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft ist ein intellektueller Dachverband."
Rede der Oberbürgermeisterin am 18. März 2010 vor der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft in der Villa Bonn
Es gilt das gesprochene Wort.
 
Die Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft steht für vieles, was die ehemals freie Reichsstadt auszeichnet: weltläufiges Bürgertum, ausgeprägten Freiheitswillen, Leistungsfähigkeit, Engagement und Verantwortungsgefühl. Der Club ist Inbegriff moderner Bürgerlichkeit – und das seit 90 Jahren.
 
Für mich als Frankfurter Oberbürgermeisterin,„Mitglied ehrenhalber“, ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ich persönlich gratuliere. Dass ich allerdings die Festrede halten darf, empfinde ich als große Ehre.
 
Nicht ohne weibliches Selbstbewusstsein danke ich Ihnen herzlich für die Einladung! 1919 – einer Zeit zwischen Krieg, Republik und Diktatur – gründeten in Frankfurt der Konsul Karl Kotzenberg und der Oberbürgermeister Georg Voigt die Frankfurter Gesellschaft als „eine Stätte lebendigen Gedankenaustausches“. Die Frankfurter Gesellschaft ist aber mehr als ein Debattierclub: Sie ist ein intellektueller Dachverband!
 
Solche bürgerlichen Institutionen prägen bis heute Frankfurt im Kreis der Institutionen, die das seit dem 19. Jahrhundert aufstrebende Bürgertum begründeten. Demokratische, liberale Gedanken, wurden in der Stadtgesellschaft debattiert. Einem vordemokratischen Selbstverständnis geschuldet, beförderte der wachsende Wohlstand, mit seinem aufklärerischen Impetus, zahlreiche Institutionen und Stiftungen, die bis heute wirken und sichtbar sind.
 
Dies gilt auch für die klassischen Aufgabenfelder des Sozialen. In Frankfurt ist die philanthropische Tradition, des Stiftens und Schenkens nach wie vor sehr lebendig. Viele Jahrhunderte manifestierte sie die bürgerliche Kultur aus der die Bürgergesellschaft des 20. Jahrhunderts entstand.
 
Was folgte nach dem 2. Weltkrieg, das war der Sozialstaat! Die sozialstaatliche Rechtsordnung der BRD leistet durchaus dabei einen politischen Beitrag.
 
Politisch unmittelbar und offensiv verstehen sich die zahlreichen bürgerschaftlichen Initiativen im Bereich Bildung,  Erziehung, Wissenschaft und Forschung. Sie machen fast die Hälfte aller Stiftungen in Frankfurt aus. Ihr anthroposophisches Ziel ist der Mensch, der durch Wissen, Bildung und kulturelle Teilhabe Mündigkeit erlangt.
 
Bürgerliche Freiheit, wirtschaftlich für sich selbst zu sorgen, gleichberechtigter Teil seiner Umwelt, in Staat und Gesellschaft seine Stimme zu erheben.
 
Reglement, Bevormundung, Zwang, Obrigkeit – all das erstickt die Bereitschaft des Einzelnen, sich einzubringen. Wie in einem Brennglas bündeln sich diese Ziele in der Gründung unserer Universität im Jahre 1914 als Bürgerstiftung, die unabhängig von preußischem Wohlwollen, dem liberalen Geist eine Heimstatt schuf !
 
Dieser war an den namhaftenpreußischen Universitäten ebenso ungern gesehen wie die Söhne des ihm verpflichtetenjüdischen Bürgertums. Damals haben Frankfurts Bürgermehr als 12 Mio. Goldmark als Mäzene und Förderer zur Verfügung gestellt und eine wirkliche freie Bürgeruniversität geschaffen.
 
Unsere bereits bestehende städtische, weitläufig verzweigte Wissenschaftslandschaft unter dem Dach einer Institution zusammenzufassen, das gab nach außen sichtbar Frankfurt seine angemessene Position als Ort des wissenschaftlichen und intellektuellen Fortschritts. Darin fand eine Entwicklung ihren Höhepunkt, die eng mit dem Aufstieg Frankfurts in der Epoche der rasanten Modernisierung im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert verbunden ist.
 
Frankfurts bald führende Stellung auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaft
stammt aus dieser Zeit.
 
Bürgerliches Bildungsideal, Engagement in der Sozialfürsorge und die Entwicklung der für Handel und Finanzwesen notwendigen Personalressourcen flossen hier zusammen. Ideengeber, vor allem auch kapitalkräftiger Motor dieses Projekteswaren Männer wie Wilhelm Merton und Arthur von Weinberg, um nur zwei besonders eindrucksvolle Persönlichkeiten, dieses an herausragenden Gestalten nicht eben armen Zeitalters – zu nennen. Für mich zählen sie zu den exemplarischen Frankfurtern!
 
Mit jüdischen Wurzeln, Merton dazu Abkömmling englischer Einwanderer, waren sie Unternehmer, verantwortliche Bürger, Stifter, engagierte Bildungs- und Gesellschaftspolitiker. Dass Merton sich in der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg als Initiator und Gründer sozialpolitisch bedeutender Einrichtungen hervortat, ist unvergessen – oder sollte es sein !Die Bildungseinrichtungen für „Sozial- und Handelswissenschaften“ waren Keimzelle unserer Universität.
 
Arthur von Weinberg, der die Cassella Farbwerke zur Weltgeltung führte, steht repräsentativ für den naturwissenschaftlichen Zweig dieser Gründergeneration, war Mitglied unseres Clubsund beim Ankauf dieses Hauseshilfreicher Mitfinanzierer. Sie alle kennen seine Portraitbüste hier im Haus! Seinen langjährigen Forschungspartner, den Nobelpreisträger Paul Ehrlich, förderte er über eine eigene Stiftung; Forschungen auf den Gebieten Chemie und Physik! Arthur von Weinberg stand viele Jahre der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft vor, die er großzügig beschenkte und gehörte wirklich zu den bedeutenden Gründern unserer Universität.
 
Ihre Idee, eine kaufmännische Akademie als eine wissenschaftliche Einrichtung zu schaffen, führte schließlich zur Gründung der auf den Namen Johann Wolfgang Goethegetauften Universität, einer der damals fortschrittlichsten in Preußen, in Deutschland !
 
Ihr kongenialer politischer Partner war übrigens mein Amtsvorgänger, der damalige Oberbürgermeister Franz Adickes.
 
Aus demselben Geist, sozial verankert dem ökonomischen Fortschritt verpflichtet trieb dieses gestaltende Stadtoberhaupt die Entwicklung Frankfurts voran.
 
Neben einer beträchtlichen Stadterweiterung durch Eingemeindung, Schaffung neuer Stadtviertel war es eben auch die Universitätsgründung, die Frankfurt von einer großen Stadt zu einer wirklichen Metropole aufsteigen ließen im Kaiserreich.
 
Die Zusammenschau dieser untrennbar mit einander verbundenen Entscheidungen verweist auf die Bedeutung, die diese in Frankfurt als „Gründerzeit“ bezeichnete Epoche für unsere Stadt hatte!
 
Der entwickelte Gedanke, erfolgreiches Wirtschaften und soziale Politik nicht als Gegensätze, sondern als einander bedingende Faktoren zu betrachten und dies, die jungen Generationen, die Bildungsbürger zu lehren, hat bis in die gegenwärtigen Diskussionen um die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft unserer Bürgerstadt – der heutigen „Wissensgesellschaft“ – Impulse verliehen.
 
Ohne diese Zusammenschlüsse von verantwortungsbewussten, gebildeten, diskussions- und innovationsfreudigen, dabei durch berufliche Stellung und Ansehen auch wirkungsmächtigen Bürgern, wären die Entwicklungen dieser fünf Jahrzehnte zwischen 1866 und 1918 nicht denkbar gewesen! Welche Systembrüche – würden wir heute sagen – musste das Bürgertum verarbeiten!
 
Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft entwickeln! Gute Bürgertugenden – heute wieder Elemente der Partizipationsgesellschaft –kommen wieder zum Tragen: Unsere Hochschule hat sich gerade nach eingehenden Debatten für die dem Bürgersinn ihres Stifters entsprechender Form einer Stiftungsuniversität entschieden.
 
Ebensolche bürgerdemokratischen Entscheidungen liegen dem Beschluss von Magistrat und Stadtverordnetenversammlung zur Stiftung der Arthur von Weinberg-Medaille zugrunde!
 
Mit der die Stadt Frankfurt am Main an die Persönlichkeit Arthur von Weinberg, diesen Citroyen, den Ehrenbürger unserer Stadt erinnern will. Seine Taten unterliegen nicht dem Zeitgeist. Sein Wirken ist uns heute Vorbild. Sein vielfältiges bürgerschaftliches Wirken, es ist Humus für die Fortentwicklung der Polis ins 21. Jahrhundert.
 
Ich bin daher dankbar, dass wir in Frankfurt auch heute noch Foren wie die Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft haben, in der sich gestaltungswillige und –fähige Menschen zusammenfinden, eine intellektuelle Elite, um darüber nachzudenken und zu debattieren, wie wir in Zukunft leben wollen, wie unsere Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten aussehen soll, wo Wandel und Veränderung dringend nottun und wo Bewahrenswertes bewahrt werden muss.
 
Ich gratuliere der Frankfurter Gesellschaft, ihren Mitgliedern nochmals herzlich zum 90. Geburtstag. Alles Gute!
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