Samstag, 24. April 2010
Grußwort der Frankfurter Oberbürgermeisterin Dr. Petra Roth beim Festakt anlässlich des 50. Geburtstages des Sigmund-Freud-Instituts
Wenn wir heute ein halbes Jahrhundert Sigmund-Freud-Institut feiern, dann sage ich nicht ohne Stolz: Frankfurt ist die Hauptstadt der Psychoanalyse in Deutschland.
Mag Sigmund Freud und seine Disziplin anderswo immer noch ambivalente Reaktionen hervorrufen – in Frankfurt ist die Psychoanalyse eine Selbstverständlichkeit, sie ist Teil des kulturellen Lebens. Das liegt ein Stück weit in der langen, fast 90-jährigen Tradition begründet, die diese Disziplin in Frankfurt hat.
Große Namen sind mit den Frankfurter Institutionen verbunden: Sigmund Freud, Anna Freud, Erich Fromm, Heinrich Meng und natürlich Alexander Mitscherlich, der Gründungsdirektor des Sigmund-Freud-Instituts.
Für mich haben er und das Institut eine besondere Bedeutung. Als ich in den 60er Jahren nach Frankfurt kam, imponierte mir diese Stadt als „Stadt des Diskurses“: Hier trafen Kritische Theorie und Psychoanalyse aufeinander und gingen eine fruchtbare Symbiose ein.
Eine Symbiose, für die stellvertretend ein Buch steht, das mich nachhaltig beeindruckt hat: Mitscherlichs „Die Unwirtlichkeit der Städte“. Anschaulich und analytisch spürt Mitscherlich den sozialpsychologischen Konsequenzen des bundesdeutschen Nachkriegsstädtebaus nach: der oft nackten Funktionalität, der menschenfernen Kälte und dem Desinteresse an humanen Lebensformen des damaligen Städtebaus. Mitscherlich wusste: Das kann nicht ohne krankmachende Wirkungen für Stadtbewohner bleiben. as Technische Rathaus, das jetzt abgerissen wird, oder die Berliner Straße zeigen, wie aktuell die Thesen von Alexander Mitscherlich nach wie vor sind.
Mitscherlich verband Psychoanalyse mit sozialpsychologischen Fragen und das ist es, was das Sigmund-Freud-Institut – und die gesamte Frankfurter Psychoanalyse – letztlich seit jeher und auch heute noch auszeichnet.
Nirgendwo sonst – auch nicht in New York, wo die Dichte der forschenden und praktizierenden Psychoanalytiker weltweit am höchsten ist – fühlen sich Psychoanalytiker so stark verpflichtet, den sozialpsychologischen Zusammenhängen sozialer Probleme auf den Grund zu gehen. Das ist das besondere und dafür danke ich Ihnen!
Die aktuelle Forschungsagenda des Instituts macht deutlich, wo und in welchem Maße unsere Gesellschaft diese Antworten braucht: Zeitkrankheit Depression, steigende Gewaltneigung von Kindern und Jugendlichen oder der fortbestehende Antisemitismus – das sind die Fragen, mit denen sich das Institut beschäftigt.
Hier „igelt“ man sich nicht ein, sondern versucht, über die Psychoanalyse als wissenschaftliche Methodik Antworten auf gesellschaftliche Konflikte zu finden. Frankfurt ist stolz auf das Sigmund-Freud-Institut!
Ich gratuliere der Institutsleitung, Ihnen, Frau Professor Leuzinger-Bohleber, und Ihnen, Herr Professor Haubl, und natürlich den Mitarbeitern auf’s Herzlichste!