Sonntag, 06. Juni 2010
Rede Frau Oberbürgermeisterin anlässlich der Verleihung der Ludwig-Börne-Medaille an Marcel Reich-Ranicki
Es gilt das gesprochene Wort!
„Intelligent hat ein Text zu sein, aber niemals schwierig“, das ist einer dieser Sätze von Reich-Ranicki, die so einfach klingen und umso schwieriger umzusetzen ist. Ich weiß, wovon ich rede – gerade hier an diesem Ort. So sind denn intelligente Texte auch soviel seltener als schwierige. Doch wir können von Ihnen lernen, lieber Marcel Reich-Ranicki, wie man Einsichten und Ansichten griffig formuliert, wie man Einsichten zu Formeln kondensiert.
Als Publizist einer, dessen Absicht es war, möglichst viele Leser zu erreichen, und das ist ihm gelungen! Unübertreffbar! – Ein Genie der Formulierung! – Absolut unvoreingenommen und immer wieder zu sehr kühnen Ansichten entschieden. „Ein ungeheuer mutiger Schriftsteller.“ Ein treffendes Zitat, aber eben leider keines von mir. Denn – wie alle griffigen Worte – auch wieder eines von Reich Ranicki selbst. Vor rund 25 Jahren haben Sie damit Ludwig Börne gewürdigt, aber zu dessen 200. Geburtstag.
Doch diese Sätze treffen mindestens in gleicher Weise auf RR selbst zu, den anderen großen Frankfurt Kritiker neben Ludwig Börne. Was mich immer an Ihnen faszinierte und bisweilen diebisch freut, ist auch das, was Sie nicht sagen.
Wie man viel sagt, indem nichts sagt oder nur nein sagt, haben wir alle mit großem Vergnügen in dem großen FAZ-Interview am letzten Sonntag gelesen. Die produktive Verweigerung, Banalitäten zu produzieren! Großartig. Es ist der allzu seltene Verzicht, jedem Zeitgeistthema hinterher zu laufen. Avantgarde war und ist bei Ihnen eben nicht immer automatisch vorne, sondern die Spitze ist bei Ihnen nur Qualität.
Es gibt für Sie keine Moden, Sie lehren uns das wichtige Prinzip, – in einer hochmobilen Gesellschaft innezuhalten und sich auf das zu besinnen, was Bestand hat.
Vielleicht ist es diese Reflexion auf das Eigentliche, was unsere Gesellschaft in Zeiten der Unsicherheit, der rasch wechselnden, – und was sind heute noch Wahrheiten – dringend braucht! Da braucht es Menschen mit imponierenden Lebensgängen: es gibt aber eben nur einen Marcel Reich Ranicki! Sagen wir besser, mit Ihrer Autobiographie, zu Recht ein viel gelesenes Werk, das niemanden unbeeindruckt lässt und vielen Menschen die Augen öffnete!
Sie selbst schufen als Kritiker Literatur, die man auch künftig noch als Zeugnis eines eindrucksvollen Lebensweges lesen wird.
Was kann man einer Persönlichkeit wie Ihnen zum 90. Geburtstag schenken? Vielleicht ein Versprechen dieser ganzen Festversammlung? Das Versprechen nämlich, dass wir künftig alle definitiv auf den Begriff „Literaturpapst“ verzichten!
Denn wenn wir noch etwas von Börne wie von RR gelernt haben, dann ist es die Einsicht, dass es weder in der Literaturkritik noch in der Politik göttliche Wahrheiten gibt, sondern nur intellektuell gut begründete Urteile. Selbst wenn diese uns bisweilen tatsächlich als unfehlbar erscheinen.
Ich danke Ihnen.