Donnerstag, 24. Februar 2011
Modell für die Stadt des 21. Jahrhunderts – der Kultur-Campus in Bockenheim
Es gilt das gesprochene Wort!
Kultur ist das Ferment der Gesellschaft. Künftig wird ein weiteres Element entwickelt. Das Ferment, ist das Laboratorium, das wir Kultur-Campus nennen. Mit diesem Projekt Kultur-Campus Bockenheim läuten wir einen Paradigmenwechsel ein –
Den zweiten Paradigmenwechsel nach der Schaffung des Museumsufers, mit dem für diese Stadt damals eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Noch in den 70er Jahren galt das Museumsufer als ein Quantensprung in der Entwicklung dieser Stadt.Heute erscheint uns dieses fußläufig zu erschließende Kulturterrain als eine Selbstverständlichkeit. Jetzt setzen wir wieder zu einem Quantensprung an.Was wollen wir? Bilbao hat es vorgemacht. Plötzlich kennt jeder Kulturinteressierte der Welt die an sich eher unaufgeregt wirkende spanische Hafenstadt. Bilbao ist mit der Errichtung der architektonisch beeindruckenden Guggenheim-Filiale zu einem Bezugspunkt geworden. Nicht anders als ein Jahrzehnt zuvor Frankfurt mit seinem Museumsufer. Von Bilbao wissen sie auch in Oslo zu schwärmen. Seitdem gibt es das Bemühen, die komplette Hafenfront umzugestalten, um aus der Stadt des Nobelpreises eine Stadt zu machen, über die man auch sagt, sie sei architektonisch etwas ganz Besonderes. Deswegen baut man Oslo jetzt um. Als eine Stadt der Kultur. Mit einer neuen Oper. Und mit einem neuen Nationalmuseum. Alles gleich im Hafengebiet. 2017 soll das neue Edvard-Munch-Museum fertig sein. Der alte Hafen möge wie ein Magnet wirken. Das sieht man in anderen kulturell bedeutenden Städten Europas ganz ähnlich. Überall bemüht man sich darum, zusammenhängende Kulturräume entstehen zu lassen.
In Frankfurt haben wir dafür im Jahr 2010 gemeinsam mit der Landesregierung die Voraussetzungen geschaffen: Wenn die Goethe-Universität erst ihren alten Campus verlassen hat, könnten Musiker, Tänzer, Schauspieler und andere Kulturschaffende
eine gewaltige Sogwirkung entfalten, wenn nach und nach die Musikhochschule von ihrem aktuellen Standort an der Eschersheimer Landstraße nach Bockenheim umsiedelt. Nicht anders als der Osloer Hafen ist Bockenheim früher ein industriell geprägter Stadtteil gewesen. An dessen Rand entwickelte sich mit der Jahrhundertwende allmählich im Schlepptau des naturkundlichen Senckenberg-Museums die Goethe-Universität. Dieser Zusammenhang ist von großer Bedeutung,
denn jetzt bietet sich wieder die Möglichkeit, Naturforschung und Kultur auf eine ganz besondere Weise miteinander in Verbindung zu bringen: Senckenbergs Naturforscher, die sich um den Erhalt der Vielfalt bemühen, und angehende Interpreten und die Studierenden der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst die in Europa eine geschätzte Ausbildung erfahren. Während das naturkundliche Museum saniert und wesentlich erweitert wird, bauen wir für die Musiker neu:
Ein Ensemble, das im Mittelpunkt eines Projekts steht, das wir jetzt Kultur-Campus nennen.Ein ehrgeiziges Projekt, weil es Erfahrung und Erwartung, Theorie und Praxis, Junge und Gestandene auf eigenwillige Weise zusammenbrächte: Neben den Musikstudenten könnten auf dem Campus die Tänzer von William Forsythe proben, die Interpreten des Ensemble Modern üben und die Künstler aus dem im Jahr 2009 geschaffenen Musik-, Theater- und Tanzlabor der Moderne – kurz: LAB – sich auf Auftritte vorbereiten. Weiter in die Zukunft gedacht, wäre dieses weiträumige Areal, auch geeignet, um einen Konzertsaal zu schaffen, der eine sinnvolle Ergänzung zur Alten Oper sein könnte. Das heißt für die städtischen Körperschaften nichts anderes als Beschlüsse zur Rahmenplanung zu fassen. Und wir sollten es uns nicht nehmen lassen, diese Gelegenheit auch beim Schopf zu packen. Das Modell Kultur-Campus Bockenheim könnte auch ein Modell regionaler Zusammenarbeit werden.
Künftig wäre es für die regionale Zusammenarbeit von weitreichender Bedeutung, Frankfurts Nachbarn an diesem Projekt zu beteiligen, um sich eine Dimension zu erschließen, die man wirklich »Leuchtturm in Europa« nennen könnte. Als Grundsatz gilt für mich: Wenn wir einen Kultur-Campus angehen, sollten wir ein solches Projekt europäischer Dimension richtig angehen. Entstehen müsste dann ein neues Quartier, das das Entree für Bockenheim wäre. Deswegen sollten wir nicht allein über einen Campus sprechen. Das Projekt soll Kulturelles und Alltägliches mitunter verbinden, also unbedingt auch ein neuer Standort des Wohnens und des Lebens werden.
Am vergangenen Montag hatte ich zum Bürgerforum in das Senckenberg-Museum eingeladen, um mit Anwohnern und Kulturschaffenden, Stadtplanern und Kulturförderern die Idee des Kultur-Campus Bockenheim zu erörtern. Bei diesem Anfang aller weiteren Debatten zeigte sich deutlich: Auf dem Kultur-Campus, muss es für jeden Frankfurter möglich sein, eine neue Wohnung zu finden. Daraus ergibt sich für mich: Wir müssen einen Ort der Reflektion wie der Regeneration schaffen. Das eine schließt das andere nicht aus. Deswegen spricht vieles dafür, über den Anteil des Wohnungsbaus und über die Schaffung von Büros noch einmal grundsätzlich nachzudenken. Für mich steht außer Frage: Ein Behördenzentrum brauchen wir als neues Entree für Bockenheim sicherlich nicht .Warum wollen wir es? Nicht wenige Menschen in unserer Stadt wollen ihren Gästen Frankfurt als einen Ort der Moderne vorstellen. Dann führen sie sie zu Bauten von Ernst May, Martin Elsaesser und Hans Poelzig. Das sind großartige Ideen. Aber wir wollen Verständnis für unsere zeitgemäße Moderne erreichen. Ich knüpfe bei meinen Überlegungen an Beobachtungen des Historikers Paul Nolte an, um bei der Bestimmung der Gegenwart weiterzukommen. Nolte gilt als Vordenker im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Wandel der Bundesrepublik der Gegenwart. Geradezu leidenschaftlich wirbt der Historiker dafür, sich wieder an neue, an andere Orientierungen, zu wagen. Orientierungen, die den Menschen in diesen Zeiten der Unübersichtlichkeit weiterhelfen: „Wir sollten uns Veränderung, Innovation und Dynamik, wir sollten uns die Moderne endlich wieder zutrauen.“Eine Moderne, die es sich beispielsweise zur vordringlichen Aufgabe macht, städtische Gemeinwesen nach dem gemeinhin akzeptierten Postulat der Nachhaltigkeit zu organisieren. Unsere Moderne muss dann auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts Antworten liefern: Auf den klimatischen Wandel, den demografischen Wandel, die wachsende Bedeutung der Städte .Impulse dafür werden in europäischen Städten, wie Frankfurt am Main entstehen. Wir haben die Frage zu bearbeiten, wie die Menschen in Zukunft leben wollen. Und wir müssen uns um Antworten bemühen, wie der Zusammenhalt der Menschen, die in dieser Stadt leben wollen, gelingen kann. Auf den Beitrag, der Kulturschaffenden kann Frankfurt nicht verzichten. Ich komme zum dritten Komplex meiner Überlegungen: Wie wollen wir das Projekt Kultur-Campus realisieren? Der Stadtplaner Albert Speer hat die Frankfurter beim Bürgerforum zum Kultur-Campus am vergangenen Montag ausdrücklich dazu ermuntert, nicht in zu kleinen Dimensionen zu denken, schließlich werde sich mit diesem Projekt zeigen, „welche Bedeutung Frankfurt künftig in der Welt hat“. Die Stadtsoziologin Martina Löw folgte Speer in seiner grundlegenden Überlegungen und unterstrich, dass Frankfurt einen solchen Ort brauche, „einen Ort, an dem Dynamik entsteht“. Gleichzeitig gab sie allerdings auch zu bedenken, dass man darauf zu achten habe, dass Frankfurt nicht kippen dürfe. Was nichts anderes heißen sollte als: Mit dem Projekt Kultur-Campus lässt sich vermeiden, dass Bockenheim eine Abwertung erfährt, gleichzeitig kann es allerdings nicht das alleinige Ziel sein, eine eindimensionale Aufwertung des Stadtteils zu betreiben. Die Mischung muss stimmen. Kultur für alle braucht einen Kultur-Campus für alle. Ich kenne die Gefahr des Kippens. Und ich weiß, was den Menschen Sorgen bereitet. Deswegen präsentieren wir den Bürgern kein fertiges Konzept und fragen sie erst dann, was sie davon halten. Daher legen wir den Bürgern nichts Fertiges vor,sondern bieten Ideen an und wir sammeln Ideen. Dann sollten wir daran gehen,
ein solch ehrgeiziges Projekt wie den Campus Bockenheim anzugehen. Wir werden in diesem Sinne noch im April, spätestens Anfang Mai ein weiteres Bürgerforum anbieten, um das gesamte Panorama guter Ideen zu entfalten. In dieser Zeit der Ideenentwicklung könnte auf dem Campus eine Box entstehen, in der man sich über Ideen, erste Pläne und die weitere Debatte informieren kann. In dieser Box erfahren Bürger auch alles darüber, was in den Planungswerkstätten zum Projekt Kultur-Campus auf dem Programm steht. Orientiert an den insgesamt vier Planungswerkstätten, die es zur künftigen Nutzung des Bolongaro-Palastes gegeben hat, wollen wir gemeinsam mit dem Land diese Planungswerkstätten in Verbindung mit Architekten und Stadtplanern anbieten. Für die Zukunft des Palastes im Westen der Stadt haben Bürger reichlich gute Ideen entwickelt. Für mich sind diese Planungswerkstätten ein Beispiel gelungener Partizipation. Von Mai sollen diese Werkstätten auf den Kultur-Campus anlaufen, um im Herbst zu ersten Ergebnissen zu kommen. Es gibt gute Chancen, ein weit über die Grenzen der Stadt hinaus wirkendes Projekt in Bockenheim anzugehen, das für die Frankfurter selbst die Aussicht auf einen Ort der Reflektion wie der Regeneration bietet. Das Ferment Kultur dieser Stadtgesellschaft bekommt auch dem Stadtteil Bockenheim. Es sind die guten Ideen, die diese Stadtgesellschaft zusammenbinden.
In diesem Sinne sollten wir
die Gunst des Augenblicks nicht verstreichen lassen.