Dienstag, 08. April 2008
Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich begrüße Sie herzlich hier
in der Stadtbibliothek von Guangzhou.
In einer Bibliothek treffen Menschen zusammen, die grundsätzlich Neuem gegenüber aufgeschlossen sind, die wissbegierig sind,die etwas lernen wollen, etwas über andere Kulturen, Institutionen oder Personen erfahren wollen. Eine Begegnungsmöglichkeit für Menschen aller Altersgruppen und verschiedener sozialer Schichten.
Kultur ist Ferment für die gesellschaftliche und damit auch wirtschaftliche Entwicklung. Im Rahmen der Städtepartnerschaft Frankfurt - Guangzhou, die in diesem Jahr 20. Geburtstag feiert, präsentieren wir Ihnen verschiedene Ausstellungen des Buchinformationszentrums Peking der Frankfurter Buchmesse und eine Fotografie-Ausstellung des Frankfurter Künstlers Alexander Paul Englert. Ich freue mich, dass wir mit der Buchmesse und dem Buchinformationszentrum eine attraktive Visitenkarte der Bücherstadt Frankfurt am Main in unserer Partnerstadt Guangzhou abgeben können. Ihren internationalen Rang als Literaturstadt verdankt Frankfurt einer mehrere Jahrhunderte alten Tradition freier geistiger Entfaltung.
Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen, und Religionen trafen sich hier zum Austausch von materiellen Waren – und damit auch immer zu dem von geistigen und kulturellen Gütern.Oft sind es Literatur und Kunst, die – wie zur Jugendzeit Goethes – politische Entwicklungen spürt, sie formuliert und Diskussionen in Gang setzt, lange bevor sie die Oberfläche von Wissenschaft und Politik erreichen. Hier gilt es Freiräume zu schaffen, für den Dialog ohne einschränkende Vorbedingungen.
Goethe, Frankfurts größter Sohn, hat den Begriff der „Weltliteratur“ geprägt.
Wie kein anderer setzte er sich mit anderen Kulturen auseinander, respektierte sie und machte sie zum Teil seines eigenen Oeuvres.
Noch im hohen Alter von 77 Jahren wandte er sich der von ihm bewunderten chinesischen Literatur zu.
Sein Zyklus von 14 Gedichten, den er „Chinesisch-deutsche Jahres- und Tageszeiten“ nannte, gehört zu seinen wichtigsten Alterswerken.
Von Goethe können wir lernen, unterschiedliche Kulturen zu respektieren und zu achten.
Auch Frankfurt am Main muss lernen,mit den Traditionen und Religionen von über 170 Nationen zusammen zu leben, über ein Drittel der Bewohner unserer Stadt ist nicht deutscher Herkunft.
Die Literatur kann da eine großartige Brücke sein – auch in einem Land, in dem so viele verschiedene Kulturen zusammen wirken wie in China.
Der kulturellen Vielfalt Raum zur freien Entfaltung zu geben, muss das Bestreben jeder Gesellschaft sein, die das Gut der Meinungsfreiheit, der Menschenrechte und der Pressefreiheit zu schätzen weiß.
Für den Austausch von Gedanken eignet sich nichts besser als unsere jährliche Buchmesse, kein Ort ist passender als ein Haus, das den Büchern und der Literatur gewidmet ist.
Und selbst wenn man nicht alle Anliegen des Anderen teilt ein Ort wie diese Bibliothek, der Büchern einen Platz bietet, sollte auch ein Ort sein, an dem man über die Gedanken, Ideen und Anliegen sprechen kann,die in Büchern niedergelegt werden – und das durchaus kontrovers und entschieden, vielleicht ohne Konsens und unversöhnlich.
Aber immer mit der Kraft der Argumente.
Deshalb wünsche ich auch dieser Bibliothek,dass sie ein Ort wird,an dem auch Unpassendes und Unbequemes geäußert und diskutiert werden kann.
Anrede,
ich danke den Beteiligten für Ihr Engagement zu den hier ausgestellten Projekten, herzlichen Dank auch an die Stadtbibliothek Guangzhou für die Organisation der Ausstellungen.
Wir in Frankfurt am Main freuen uns heute schon auf den Gegenbesuch der Stadt Guangzhou im Herbst 2008 und auf die Buchmesse 2009, die China als Gastland in Frankfurt vorstellen wird.
Ich wünsche uns allen, dass diese oft und ausgiebig in beiden Richtungen beschritten werden.