Donnerstag, 28. August 2008
Grußwort zur Verleihung des Goethe-Preises 2008 an Pina Bausch
Festakt in der Paulskirche
Es gilt das gesprochenen Wort !
Anrede,
zur Verleihung des Goethepreises des Jahres 2008 begrüße ich Sie in der Paulskirche auch im Namen des Frankfurter Magistrates auf das herzlichste.
Alle drei Jahre wird der Goethe-Preis hier verliehen und jedes Mal ist es für die Stadt Frankfurt ein besonderes, ein herausragendes Ereignis. Ich freue mich daher sehr,
diesen Vormittag mit Ihnen und vor allem mit der diesjährigen Preisträgerin, Frau Pina Bausch, und ihrem Laudator, dem Filmemacher und Regisseur Wim Wenders
erleben zu dürfen.
1927 wurde der erste Goethe-Preis verliehen. Vor genau 80 Jahren zeichnete die Jury den großen Theologen, Arzt und Organisten Albert Schweitzer aus, der in seiner Dankesrede nicht zuletzt der Goethestadt Frankfurt seine Reverenz erwiesen hat.
Zu den folgenden Preisträgern zählten Sigmund Freud, Thomas Mann, Arno Schmidt und Marcel Reich-Ranicki – den ich hiermit auch sehr herzlich begrüße – und zuletzt 2005 Amos Oz.
Der Goethe-Preis gehört zu den ältesten deutschen Kulturpreisen.
Wie fast jedes Symbol staatlicher oder städtischer Repräsentation spiegelt er nicht nur Höhen, sondern auch Tiefen deutscher Kulturpolitik. Seiner ersten Verleihung nach dem zweiten Weltkrieg lag die Überzeugung zugrunde, dass ein demokratisches und freiheitliches Deutschland allererst die kulturellen Leistungen ermöglicht, die Goethes würdig sind.
In diesem Jahr wird die herausragende Choreographin,Regisseurin und Tänzerin Pina Bausch mit dem Goethe-Preis ausgezeichnet. Die Stadt Frankfurt würdigt mit ihr eine Künstlerin, die sowohl Tanz- wie Theatergeschichte geschrieben hat.
Mit herausragender schöpferischer Kraft hat sie die reine Expressivität des Ausdruckstanzes überwunden und ihn durch die Integration theatraler Elemente
gleichsam neu erfunden.
„Der Tanz“, hat Pina Bausch einmal gesagt, „ist die einzig wirkliche Sprache“.
Der Dichter Goethe verband mit ihm vor allem einen flüchtigen Reiz der Sinne.
Um zu wirken, so schrieb er, müsse er ins Übertriebene gehen.
Dieses schrecke die übrigen Künstler sogleich ab; doch könnten sie, wenn sie nur klug und vorsichtig seien, viel von ihm lernen. Viel lernen und erfahren können die Glücklichen, die jemals eine Aufführung von Pina Bausch besuchen durften.
40 Stücke zählen zu ihrem Œuvre.
Ein Gesamtwerk, das sich mit unbeirrbarer Konsequenz den elementaren Fragen
menschlicher Verständigung widmet und dafür eine Form gefunden hat, die den modernen Tanz, so ein Kritiker, auf „den Weg der Emanzipation seiner eigenen Mittel“ geführt hat.
Pina Bauschs Bühnensprache wird weltweit verstanden und hat mit ihrem großen, begeisterten Echo den internationalen Ruhm des Tanztheaters Wuppertal begründet.
Die Bedeutung der Preisträgerin
als große Neuerin des Tanzes hat in Frankfurt vielleicht in der gegründeten ForsytheCompanie ein Pendant. ???
Beeinflusst vom Ausdruckstanz der 20er Jahre vor allem in der Interpretation ihres Lehrers Kurt Jooss, hat sie nach Engagements in New York mit dem Tanztheater Wuppertal ein ganz eigenes, unverwechselbares Genre geschaffen.
Eines, das auf höchst originelle Weise virtuose Bewegungsabläufe mit theatralen
und filmischen Elementen verbindet. Wie kaum einer Regisseurin, einem Regisseur unserer Zeit gelingt es Pina Bausch, ihre den Betrachter verzaubernde Bühnengemälde mit Gegenwart aufzuladen. Bei aller stilistischen wie medialen Offenheit bleibt Zentrum ihres Werkes, das immer wieder neu befragte und zugleich bewahrte Geheimnis der menschlichen Existenz.
Pina Bausch ist ein Augenmensch - was man übrigens ja auch von Goethe sagt -, eine höchst genaue Beobachterin dessen, was Menschen, was Frauen und Männer verbindet und was sie trennt.
In der Art, wie sie den menschlichen Körper in Szene setzt, liegt eine ganz eigene Form der Poesie.
Und dies nicht als selbstgenügsames L`art pour l´art,sondern als Verschwisterung
des Wirklichen mit dem Möglichen. Der Tanz drückt die Hoffnung aus, dass der Mensch dort anlangt, wo er ganz bei sich und zugleich in der Welt sein kann.
Pina Bauschs Tanztheater ist in seiner Radikalität zutiefst menschlich. Sie hat eine humanistische Kunst geschaffen, die es verdient im Namen Johann Wolfgang Goethes gewürdigt zu werden.
Liebe Frau Bausch,
ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen zum Goethe-Preis 2008.