Samstag, 20. September 2008
Grußwort anl. der Konferenz „Die Unwirtlichkeit der Städte – damals und heute"
Tagung d. Sigmund-Freud-Stiftung zum 100. Geburtstag von Alexander Mitscherlich
Anrede,
es ist mir eine große Ehre und Freude,
Sie zur heutigen Tagung aus Anlass des 100. Geburtstages von Alexander Mitscherlich begrüßen zu dürfen.
Mitscherlich gehörte ohne Zweifel zu den prägenden Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts.
Die Stadt Frankfurt ist sehr stolz darauf, dass er so viele Jahre hier gelebt
und bis zu seinem Tode 1982 gewirkt hat. Gemeinsam mit seiner Frau Margarete
hat er in einer beeindruckenden Weise sein Engagement für die Wissenschaft
mit dem für die Menschheit verbunden. Ihre Strahlkraft in die Öffentlichkeit
verdanken beide nicht zuletzt ihrer großen persönlichen Glaubwürdigkeit,
die ihr Denken und Handeln fundierte.
Doch die von der Sigmund-Freud-Stiftung ausgerichtete Tagung soll nicht nur dem Gedenken an Mitscherlich dienen, sondern die Aktualität einer seiner ohne Zweifel wirkungsmächtigen Schriften aufzeigen.
Mit Frankfurt sicher in besonderer Weise wirkungsgeschichtlich verbunden –
sein großer Aufsatz zur „Unwirtlichkeit der Städte“.
Die Diskussion um diese Schrift ist eine, wie mir scheint, sehr angemessene Form,
dieses großen Wissenschaftlers und engagierten Gesellschaftskritikers zu gedenken.
„Die Unwirtlichkeit der Städte“ wirft auch für mich als Oberbürgermeisterin einer Stadt, deren Urbanität immer wieder diskutiert wird, äußerst spannende Fragen auf.
Lässt sich doch ohne Zweifel feststellen, dass es Mitscherlichs Schrift aus dem Jahr 1965 war, die ein überfälliges Nachdenken über Städtebau und Städteplanung ausgelöst hat und dem damals so überaus populären Modell der „autogerechten Stadt“ einen ersten Dämpfer versetzte.
Wie sehr man aber auch seinen Ansatz – wenn man ihn als eindimensionale Kritik der Moderne verstand – missverstehen konnte, zeigt folgende Anekdote:
Als er 1967 zum Ordinarius für Psychologie an der Goethe-Universität berufen wurde, lehnte er die angebotene Vorstadtvilla ab. Er wollte lieber im Hochhaus wohnen – was er dann auch tat: über 20 Jahre in einer Wohnung im 13. Stock
im Stadtteil Höchst. Das, so sagte seine Frau einmal, versprach ihm viel mehr Begegnung mit anderen Menschen als die kleinen Reihenhäusern der Vorstädte.
Nicht modernes Großstadtleben war ihm ein Graus, sondern anonymes Großstadtleben.
Der Stadt Frankfurt, die ihn ihm einen der schärfsten Kritiker hatte, blieb er gleichwohl auch nach seiner Pensionierung treu.
Hier, wo er sich , wie er sagte „als Bürger am meisten zu Hause fühlt“.
Anrede,
Mitscherlich war die beherrschende Größe der europäischen Psychoanalyse – über mehrere Jahrzehnte. Mit seinen Weggefährten der Frankfurter Schule
war er eine der herausragenden Gestalten für die intellektuelle Neugründung Deutschlands nach dem Krieg.
Für ihn war psychoanalytische Arbeit immer auch gesellschaftspolitischer Auftrag.
Und nirgendwo hat er soviel Spuren hinterlassen wie hier in Frankfurt am Main.
Dies weiter auszuführen, würde sicher den Rahmen eines Grußwortes sprengen.
Aber ein Gedanke sei gerade in dieser Stadt noch erlaubt:
Gerade auch dank Mitscherlichs Intervention haben sich nicht aufgrund eines anschließenden breiten gesellschaftliches Prozesses die Innenstädte von der schon fast notorischen Wiederaufbauwut und damit einhergehenden Zerstörung rettbarer Altbausubstanz in den fünfziger Jahren erholt.
Doch – wie wir hier in Frankfurt nur wenige Meter entfernt – erfahren dürfen, ist es ein weiter Weg von einem durch mehrere Schichten Bausünden gezeichneten städtischen Areal zur neuen „Wirtlichkeit“ zu verhelfen.
Eine neue Wirtlichkeit, die sicher nicht eine verklärte Idylle gegenüber den Möglichkeiten der Moderne einfordert. In jedem Fall ist das Werk Mitscherlichs –
und das ist nun gerade auf diesem Hintergrund wirklich kein Klischee – aktueller denn je.
Ich wünsche Ihrer Veranstaltung viel Erfolg.